Wo ist die Hilfsbereitschaft?

17. Januar 2016

Immer wieder sonntags #52

Der heutige Bericht hat mir echt Kopfschmerzen bereitet. Ich habe sehr lange überlebt, ob so ein Ereignis auf diesen Blog gehört. Auch weil ja gerade im Moment die Blogparade zu dem Thema „Privates auf Blogs“ läuft (mehr dazu übrigens auch am Dienstag hier auf dem Blog). Nach vielen Überlegungen habe ich mich dann aber entschlossen diesen Vorfall mit euch zu teilen, auch als eine Warnung für andere und als Aufruf. Das Leben hat nicht nur schöne Seiten und auch wenn diese auf dem Blog im Vordergrund stehen sollen, gibt es manchmal auch einfach ernste, unschöne Themen.

Wohlfühlglück_Hilfsbereitschaft

Am Samstag vor Weihnachten liefen bei uns die Vorbereitungen für das bevorstehende Fest auf Hochtouren. Ich musste aber noch einmal los, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen. Ansonsten war ich tatsächlich mal überraschenderweise echt gut in der Zeit mit meinen Vorbereitungen. Also fuhr ich am Nachmittag in die Stadt (eine Kleinstadt mit ca. 130.000 Einwohnern), um die letzten Einkäufe ganz in Ruhe zu erledigen. Das Wetter war ungewöhnlich mild und so beschloss ich nach dem Einkauf noch auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Man trifft ja doch gerade in der Kleinstadt immer Bekannte und ein leckerer Punsch wäre auch noch gut gewesen. Ich genoss den Nachmittag. Mit bester Laune bummelte ich durch die Gegend und bewunderte die Weihnachtsbeleuchtung. Die Straßen waren voller Menschen – manche gestresst, manche herrlich entspannt wie ich. Ich ging auf einer einigermaßen gut ausgeleuchteten Straße und betrachtete die Auslagen in den Schaufenstern.

Plötzlich kam ein großer, junger Mann in dunkler Kleidung direkt auf mich zu und entriss mir in Sekundenschnelle meine Handtasche. Kurz vorher hatte ich mir noch Gedanken darüber gemacht, wie ich diese am besten im Menschengewühl sicherte und hielt sie ganz fest an beiden Schulterriemen zusammengedrückt. Das alles ging so schnell, dass kaum ein Atemzug dazwischen war. Ich drehte mich blitzschnell um und schrie geistesgegenwärtig nach Leibeskräften um Hilfe. Ich war total geschockt. Den Täter sah ich nur noch weglaufen. Was in diesem Moment in mir vorging, könnt ihr euch nicht vorstellen. Ich hab am ganzen Körper gezittert.

Wozu ich aber eigentlich kommen will und was mich mich an dieser Tat so extrem erschüttert hat, war dass keine Menschenseele mir geholfen hat. Alle Passanten sind mit geneigten Kopf an mir vorbeigegangen oder haben die Straßenseite gewechselt. Unfassbar. Ich hab ja nicht erwartet, dass jemand dem Täter hinterher rennt. Aber man kann doch wenigstens dem Opfer zur Hilfe kommen. Mir sträuben sich jetzt noch beim Schreiben die Nackenhaare.

Als ich dann Minuten später in meinem Auto saß, begriff ich erst was los war. „Was wäre gewesen, wenn…“-Gedanken quälten mich. Natürlich war ich froh, dass nicht mehr passiert war. Aber man macht sich ja eben doch Gedanken. Nach fast vier Wochen traue ich mich immer noch nicht allein in dunkle Straßen und fahre überall mit dem Auto hin. Der Schock sitzt doch noch ganz schön tief. Noch tiefer sitzt aber das Entsetzen über die Hilfsbereitschaft. Ich will damit auf keinen Fall sagen, dass man in Gefahrensituationen unüberlegt eingreifen soll. Aber man sollte doch die Augen aufhalten und gucken, ob jemand Hilfe braucht. Die Welt ist manchmal schon schlimm genug (und damit meine ich weit mehr als mein „Taschenvorfall“). Kleine Momente der Hilfsbereitschaft können da wahre Wunder wirken.

Genug mit den negativen Themen. Ich wünsche euch einen schönen Sonntag. Passt auf euch auf!
Bis bald,
eure Anke

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9 Kommentare zu “Wo ist die Hilfsbereitschaft?

  1. Liebe Anke, das tut mir echt grad total leid. Ich hoffe Dir gehts langsam besser und Du konntest die Sachen soweit alle ersetzten.
    So ein Erlebnis muss erstmal verarbeitet werden, das glaube ich Dir.
    Dafür Drücke ich Dir die Daumen.
    Ich kann nicht verstehen weshalb die Leute heutzutage so gern weg sehen. Ich schau immer eher hin und helfe. Kann natürlich sein, dass ich da mal ganz bös reinfalle, aber ich hab das so gelernt, alles andere ist gegen meine Natur.Es gibt sicher viele kriminelle Menschen, aber viel viel viel mehr ganz normale hilfsbedürftige Bürger.
    Ausreden gibts für mich keine. Da bin ich halt dumm und steh dazu. Sogar ohne Pfefferspray. Nein ich hab eher Traubenzucker für Diabetiker dabei, die villeicht auf der Strasse zusammenklappen weil sie Unterzucker haben und alle denken die sind bestimmt besoffen.
    Mir geht s wie Fran. Diese Werte vermittle ich meinen Kindern weiter.
    Vielleicht tröstet Dich das ein wenig Anke. Ich drück Dich, Tina

  2. Anke, dass tut mir so leid. Und macht mich richtig traurig. In so einer Situation sollte es mehr als selbstverständlich sein, dass einem geholfen wird. Vorallem kann ja den Helfern nicht mal was passieren, der Täter war ja bereits über alle Berge.
    Ich hoffe du konntest auch alles was in der Tasche war bereits wieder ersetzen und den Schock ein wenig überwinden.
    Liebe Grüße Ela

  3. Hammer. Sag ich normal nicht. Aber bei Deinem Bericht, fällt mir gar nichts anderes ein.
    Ich weiß zwar nicht, wie ich reagieren würde, wenn auf einem eine Frau laut anfangen würde zu schreien. Vielleicht würde ich auch erst einmal beobachten was passiert. Was Du schilderst, habe ich noch nicht gehört. Dafür kommt es hier häufiger vor, dass Leute mit den Armen fuchtelnd – und nach Hilfe rufend auf die Fahrbahn der Landstr. springen. Kaum hält der Fahrer an, springen noch zwei aus dem Gebüsch. In der Zeitung wird hier von Überfällen und/oder Vergewaltigungen berichtet. Deshalb würde ich aktuell z.B. NIE anhalten, wenn ich da vorbei komme. Auch ein Beifahrer oder Kinder im Auto helfen eher wenig. Ich würde im nächsten Ort anhalten und die Polizei rufen, aber mehr nicht.
    Schlimm eigentlich, aber unsere Hilfsbereitschaft wird zu oft ausgenutzt. Dumm, dass es Dich da getroffen hat. Aber ich vermute solche Geschichten tragen dazu bei, dass die Leute eher verhalten reagieren.
    LG Sunny

  4. oh anke – das tut mir leid! ich kann mir vorstellen, dass der schock nach so einem raub tief sitzt. das wäre mein alptraum. ich bin ja immer sehr leichtsinnig, meine taschen sind selten zu und sie quer zu tragen finde ich abscheulich „praktisch“ – aber spätestens nach so einem erlebnis würde ich mein verhalten überdenken. lg bärbel ☼

  5. Das ist ja ein furchtbares Erlebnis. Zum Glück ist mir das noch nie passiert.
    Aber ich bin mal an einer Unfallstelle auf einer einsamen Landstrasse vorbei gefahren, der Unfall war gerade passiert. Damals hatte ich noch kein Handy. Ich bin dann zum nächsten Haus gefahren und wollte den Krankenwagen rufen. Die Bewohner haben sich geweigert, mich telefonieren zu lassen oder selbst anzurufen. So musste ich zum nächsten Haus fahren. Das Unfallopfer lag derweil verletzt auf dem Acker. Zum Glück ist dann noch rechtzeitig Hilfe gekommen.
    Daher wundert mich dein Erlebnis gar nicht. Wegsehen scheint die Devise zu sein.

    Ich wünsche dir auf jeden Fall, dass du das bald verarbeiten kannst.

    Ganz lieben Gruß
    Sabine

    http://www.styleuppetite.blogspot.de

  6. Ganz schrecklich ist das liebe Anke und sehr erschütternd, wenn niemand hilft. Das kann ich am wenigsten nachvollziehen. Ich kann mir vorstellen, dass Dir der Schrecken noch in den Knochen sitzt und wünsche Dir alles Gute.

    Meine Tasche hänge ich immer quer über die Schulter, allein, weil sie mir sonst herunterrutscht. Ob das im Ernstfall hilft? Darüber möchte ich gar nicht nachdenken.

    LG Sabine

  7. Hi Anke,

    oh man, wie schrecklich. Das ist ja eine üble Geschichte. Kann ich mir vorstellen, dass Dich das erstmal geschockt hat und Du nun Angst hast.

    Was mich frage – Du hast die Tasche richtig gut festgehalten und trotzdem konnte er sie Dir entreißen? (ich frag so blöd, weil ich immer denke, wenn ich meine nur gut festhalte, passiert mir sowas nicht – offenbar falsch gedacht). Was mich am meisten an sowas stören würde, ist, dass man hinterher erstmal losziehen darf, seine Kreditkarten sperren, neuen Ausweis beantragen usw. usf. Oder hast Du Glück gehabt und hattest die wichigen Sachen gar nicht in der Tasche? Ich glaub, ich muss mir echt mal angewöhnen, wirklich einen Brustbeutel oder sowas ähnliches zu tragen. Wenn dann „nur“ die Tasche weg ist, ist es nicht so schlimm. Bin noch viel zu leichtsinnig unterwegs.

    Dass Dir keiner geholfen hat, finde ich auch traurig. Vielleicht ist es der Gewöhnungseffekt (sowas passiert ja mittlerweile sehr häufig) oder/und die Angst, selbst Opfer von Gewalt zu werden, der die Leute daran hindert, sich einzumischen. Ich weiss es nicht.

    Lg, Annemarie

  8. Auch mir tut es sehr leid, was Dir passiert ist. In Deutschland gibts leider nur noch sehr selten Zivilcourage.. das hat wohl mehrere Gründe.

    Ich selbst gehe nicht mehr ohne Pfefferspray raus, hab es immer griffbereit. Ich war immer sehr sorglos, hatte nur selten Angst, aber die Zeiten haben sich verändert und ich passe mich halt an. Zudem schaue ich immer, wer in meiner Nähe ist.. ich checke sozusagen immer die Lage.. wer ist hinter mir, wer läuft vor mir, wer ist auf der anderen Straßenseite usw.. Zudem hatte ich einen Kurs in Selbstverteidigung.
    Natürlich ist das auch keine Garantie für Sicherheit, aber man wird wachsamer und fühlt sich nicht ganz so hilflos.

    Dass sich keiner von den Passanten um Dich gekümmert hat, könnte damit zu tun haben, dass die Leute da nicht mit reingezogen werden wollen bzw. vielleicht nicht in die Verlegenheit kommen wollen als Zeuge aussagen zu müssen. Verstehen tue ich das nicht und finde es auch sehr traurig, dass Du da so allein gelassen wurdest.

  9. Es tut mir leid, dass dir so etwas passiert ist. Und dass dir niemand geholfen hat, finde ich schrecklich. Dass jeder einfach weitergeht, wenn er so etwas sieht, ist mir völlig unverständlich. Und dass das Nachwirkungen hat, wenn man am eigenen Leib erfährt, dass einem niemand hilft, ist klar. Vermutlich ist es schon fast egal, wie hoch der Schaden ist. Das Gefühl, dass einem niemand hilft, ist wohl viel schlimmer. Ich hoffe, du kommst drüber weg und fasst wieder etwas Mut.
    Mir scheint manchmal, so ein Verhalten ist symptomatisch für große Teile der Gesellschaft heute. Wo „Gutmensch“ als Schimpfwort gilt und es nur noch darauf ankommt, sich per Einsatz von Ellenbogen die größten Vorteile zu verschaffen. Auf alle, die schwach sind und sich nicht wehren können, blickt man bestenfalls geringschätzig hinunter. Manchmal frage ich mich dann tatsächlich, ob ich meinen Kindern besser beigebracht hätte, sich ohne Rücksicht durchzusetzen anstatt Schwächeren zu helfen. Denn das ist völlig out in ihrer Altersgruppe. Ich hoffe, das ändert sich mit dem Alter noch.
    Ich wünsche Dir alles Gute und vor allem wieder Vertrauen!
    Liebe Grüße
    Fran

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